Diskriminierung und Stereotype

Ich habe während des Studiums in einem Restaurant gearbeitet. Wie überall in der Gastro herrschte Personalknappheit. Als ich erfahre, dass meine Chefin einen Bewerber nicht einladen will, weil er Pakistani ist.

Ich frage sie in meinem adoleszenten Idealismus, was das soll und das könne man doch nicht machen. Sie sagt, dass sie schon fünf Pakistanis eingeladen hatte, die aber alle nicht damit umgehen konnten, wenn ihnen eine Frau sagt, was sie machen sollen.

Ich eine, man könnte ja nicht von denen auf alle schließen und überzeuge sie den Bewerber einzuladen. Nun…es war ein absolutes Fiasko. Der hat am Schluss sogar mit nem Teller geschmissen und wurde noch vor Schichtende nach Hause geschickt.

Kann man meiner ehemaligen Chefin jetzt vorwerfen, wenn sie den nächsten nicht mehr einlädt? Wenn sie Zeit, Ressourcen und Nerven sparen will und letztendlich aus geschäftlichen Gründen auch muss?

Der BGH sagt: Ja. Was sie tut ist Unrecht.  Zumindest in einem heute gefällten Urteil in dem es um Diskriminierung einer Wohnungssuchenden ging: Auf der Suche nach einer Wohnung für sich und ihre Familie im hessischen Groß-Gerau hatte Humaira Waseem sich im November 2022 im Internet auf eine Wohnung eines Maklers beworben – mit prompter Absage. Es seien keine Termine mehr verfügbar, hieß es. Als die 30-Jährige es dann unter den Namen Schneider, Schmidt und Spieß – bei sonst identischen Angaben zu Einkommen und Beruf – probierte, wurden ihr aber Besichtigungstermine angeboten. Dass es sich hierbei um Diskriminierung handelt wurde nun durch den BGH bestätigt. „Man habe es mit einem »klaren Fall von Diskriminierung« zu tun“, sagte der Vorsitzende Richter Thomas Koch. Dabei müsse sich auch der Makler an das gesetzliche Benachteiligungsverbot halten.

Liegt es nicht in der Entscheidung des Vermieters, an wen er vermieten will?  Und  sind Stereotype, denn immer unbegründet?

„Die Richtigkeit von Stereotypen ist einer der größten und am besten reproduzierbaren Effekte in der gesamten Sozialpsychologie“ lautet der Titel des amerikanischen Sozialpsychologen Lee Jussim, der dem Thema einen Teil seiner wissenschaftlichen Arbeit gewidmet hat.

Der Titel ist nicht zuletzt deshalb spektakulär, weil man sowohl

innerhalb als auch außerhalb der Sozialwissenschaften in der Regel davon ausgeht dass Stereotype grundsätzlich falsch seien.

In seinem überblicksbeitrag zum Thema erzählt Jussim wie er in den 1980er Jahren damit anfing über Stereotype zu recherchieren:

„Damals gab es keinen Grund den weit verbreiteten Glauben an die Unrichtigkeit von Stereotypen anzuzweifeln. Als Doktorant versuchte ich die Beweise für diese Behauptung aufzuspüren. Nicht um sie zu widerlegen sondern um sie zu verbreiten und der Welt die harten wissenschaftlichen Daten zu verkünden die zeigen dass Stereotype falsch seien. Langsam über viele Jahre hinweg machte ich eine beunruhigende Entdeckung: Es gab so gut wie keine Belege. Behauptungen über die Unricjhtigkeit von Stereotypen stützten sich oft buchstäblich auf gar nichts.“

Dabei gab es damals schon Studien darüber, ob und wie weit Stereotype etwas Reales abbilden. Im Jahr 1978 erhoben die Sozialpsychologen Clark Mccallley und Christopher Stit im Rahmen einer im „Journal of personality and social psychology“ veröffentlichten Studie erstmals Daten einer US Volkszählung und verglichen die Wahrscheinlichkeit dass Afroamerikaner die Highschool oder das College abschließen, eine unverheiratete Mutter oder arbeitslos werden und eine Familie mit vier oder mehr Kindern Gründen mit derjenigen für andere Amerikaner.
 
Anschließend befragten sie Menschen aus verschiedenen Lebensbereichen, College und Highschool-Studenten, Gewerkschaftsmitgliederm, einen Kirchenchor, Studenten im Masterstudiengang Sozialarbeit und Sozialarbeiter in einer Sozialdienstleistungsagentur was sie glaubten zu welchen Prozentsätzen die Amerikaner im Allgemeinen und die Afroamerikaner im Besonderen diese Merkmale aufwiesen. Die geschätzten Anteile lagen nah an den Volkszählungsdaten und korrelierten extrem stark mit den tatsächlichen Unterrschieden.

Jussim fasst zusammen:  Mittlerweile wurden über 50 Studien durchgeführt um die Richtigkeit der Überzeugungen von Menschen über demografische nationale politische und andere Gruppen zu untersuchen. Die Evidenz ist eindeutig. Gemessen anstrengen Kriterien stimmen die Vorstellung von Laien über Gruppen gut mit dem überein, wie diese Gruppen wirklich sind. Diese Übereinstimmung ist einer der größten und am besten reproduzierbaren Effekte in der gesamten Sozialpsychologie .“

Das bedeutet natürlich nicht, dass Vorurteile oder Stereotype immer richtig sind und auch nicht, dass man anhand von Tendenzen in Gruppen immer auf Individuen schließen kann. Aber es zeigt, dass Stereotype alles andere als grundsätzlich falsch sind.

Urteilt man auf Basis des Gleichbehandlungsgrundsatzes ist es falsch eine Vorauswahl auf Basis der Nationalität zu treffen.

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Autor: aischaschluter

Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen - von den kargen Früchten des Waldes.

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