Wut und Die Vegetarierin

Es ist ein seltsamer Zufall, dass ich gerade diese beiden Romane nacheinander gelesen habe. Auf den ersten Blick könnten die Bücher, wie auch die Autoren, nicht weiter voneinander entfernt sein.

Nun steht in meinem Regal der albtraumhaft-poetische Roman „Die Vegetarierin“ der koreanischen Nobelpreisträgerin Han Kang direkt neben „Wut“, der messerscharfen Analyse des deutschen Groß-Ironikers Harald Martenstein.

Auch die Hauptcharaktere scheinen auf den ersten Blick gegensätzlich zu sein und dabei verbindet sie doch vieles. In Han Kangs “Die Vegetarierin“ ist die namensgebende Charaktere Yong-Hye laut ihrem Ehemann eine unscheinbare und durchschnittliche Frau, während die zentrale Figur der Mutter in Martensteins „Wut“ nicht nur ausgesprochen schön, sondern auch überaus klug und erfolgreich ist.

Was die Charaktere verbindet ist, dass sie versuchen aus dem auszubrechen, was die Gesellschaft als „normal“ oder „angemessen“ empfindet. Yong-Hye rebelliert durch den Verzicht auf Fleisch gegen die patriarchalen Strukturen ihrer Familie und der koreanischen Gesellschaft. Ihr passiver Widerstand wird als radikaler Akt der Selbstbestimmung (oder des Wahnsinns) wahrgenommen. Die Auswirkungen Yong Hyes „Wut“ treffen sie selbst. Sie magert ab, wird krank. Die psychische Veränderung wird radikal körperlich – die Protagonistin will am Ende kein Mensch mehr sein, sondern eine Pflanze.

Die Rebellion von Martensteins Mutter richtet sich nach außen. Im Gegensatz zur koreanische Hausfrau Yong-Hye, die immer leiser wird, bis sie fast verschwindet, dominiert sie ihr Umfeld. Sie unterwirft sich weder den Institutionen in ihrem Leben, noch nimmt sie auf die Menschen, die ihr nahestehen irgendeine Form von Rücksicht. Einerseits extrem diszipliniert und pflichtbewusst, trägt sie andererseits aber eine tiefe, brodelnde Unzufriedenheit in sich. Sie verkörpert die Generation der Nachkriegszeit: hart gegen sich selbst, sparsam bis zur Kargheit und emotional oft verschlossen. Sie gerät oft in eine Opferrolle, die sie jedoch auch als Machtinstrument nutzt. Durch ihr Leiden und ihre Aufopferung für die Familie erzeugt sie eine subtile Schuld bei den anderen Familienmitgliedern.

Die Mutter in „Wut“ ist, wie auch Yong-hye eine tragische Figur. Sie ist das Symbol für eine Generation, die durch historische Traumata und gesellschaftliche Zwänge ihre eigenen Gefühle (außer der Wut) begraben hat. Sie ist weniger ein Individuum mit Hobbys oder Vorlieben, sondern eine Naturgewalt aus Pflichtgefühl und Bitterkeit, die das Leben des Erzählers wie ein dunkler Unterstrom durchzieht.

Man könnte sagen: Yong-Hye ist die implosive Variante des Widerstands, Martensteins Figuren sind die explosive. Während die eine in sich zusammenfällt, um der Gewalt der Welt zu entkommen, schleudert der andere seine Unzufriedenheit nach außen, um nicht daran zu ersticken. Beide Charakterstudien zeigen uns jedoch dasselbe: Den Moment, in dem ein Individuum beschließt, dass die Anpassung teurer ist als der soziale Ausschluss.