Afrika und postkolinialistische Fehleinschätzungen

Mein Stiefvater war in den 90ern in Tansania um Entwicklungshilfe zu leisten. Als Schreinermeister baute er in einem kleinen Dorf eine Werkstatt auf. Am Anfang verschwand immer Werkzeug. Ihm wurde gesagt, dass man die bösen Geister besänftigen müsste, die das Werkzeug verschwinden lassen. Also ging er zum örtlichen Schamanen der für 200 DM ein Ritual abhielt und anschliessend wurde kein Werkzeug mehr gesto…äh…von Geistern entführt.

Ein guter Freund, Südafrikaner, hat in Simbabwe geholfen eine Krankenstation zu errichten. Davon hätten die drei im Einzugsgebiet liegenden Stämme profitiert, und so schickten sie alle ein paar Mann um einen Generator abzuladen. Die Mitglieder der unterschiedlcihen Stämme weigerten sich aber partout zusammenzuarbeiten. So lange bis der Vorarbeiter zwei der Rädelsführer mit einem Stock zusammengetroschen hat. Dann gings.

Es wird von linker Seite oft so getan als sei Afrika nur wegen der Ausbeutung durch die europäischen Kolonialmächte schlecht entwickelt. In der Dokumentation „Empire Of Dust“ geht es um einen chinesischen Investor und seine Probleme bei der Durchsetzung seiner Vorhaben. Sein Blick auf die Kolonialisierung ist ein anderer als der viele Westler: Er sieht die Investitionen, welche die Europäer in Afrika getätigt haben und die Technologie, welche sie nach Afrika brachten und wie man sie hat verfallen lassen.

Tatsächlich war die Kolonialisierung für Europa keineswegs so gewinnbringend wie sich das viele vorstellen. Einer der Gründe, warum sich Deutschland erst so spät an der Kolonialisierung beteiligte war, dass man es als teures Prestigeprojekt betrachtete. Die Investitionen Frankreichs in die Kolonien waren so hoch, dass sie die Gewinne wieder annulierten. Damit sollen die Verbrechen der Kolonialzeit nicht heruntergespielt werden, aber aus wirtschaftlicher Sicht hat es sich für die Kolonien mehr gelohnt als für die Kolonialmächte.

Aber wenn man Europa nicht verantwortlich machen kann, woran liegt es dann? Warum ist ausgerechnet Afrika, ein Kontinent mit gigantischen Vorkommen an Gold, Diamanten, Öl und seltenen Erden, der ärmste Kontinent der Erde? Die Antwort ist komplex, aber sie lässt sich auf einige Kernpunkte reduzieren.

Steven Pinker greift in seinem Buch „Das unbeschriebene Blatt“ die Argumente des Evolutionsbiologen Jared Diamond auf, dass die Schicksale der Völker durch die Geografie bestimmt wurden:

„Diamond und Saul weisen darauf hin, dass Eurasien, die größte Landmasse der Welt, ein enormes Sammelbecken für lokale Innovationen ist. Händler, Reisende und Eroberer können sie sammeln und verbreiten und Menschen, die an den Schnittstellen leben, können sie zu einem Hightech Paket zusammenschnüren.“

Außerdem verläuft Eurasien in Ost-Westrichtung, während Afrika und Amerika in Nordsüdrichtung verlaufen.Pflanzen und Tiere, die in einer bestimmten Region domestiziert werden, können leicht entlang von Breitengraden in andere Regionen gebracht werden, da die Breitengrade auch Linien mit ähnlichem Klima sind.

Entlang der Längengrade ist das nicht so einfach, da hier bereits einige hundert Meilen den Unterschied zwischen gemäßigtem und tropischem Klima ausmachen können. In den asiatischen Steppen domestizierte Pferde konnten beispielsweise im Westen ihren Weg nach Europa und im Osten ihren Weg nach China finden. Aber in den Anten domestizierte Lamas und Alpakas haben es nie in Nordrichtung nach Mexiko geschafft, sodass die Zivilisationen der Maya und Aztheken ohne Lasttiere auskommen mussten. Und bis vor kurzem war der Transport schwerer Güter über lange Strecken nur auf dem Wasserweg möglich und damit auch der Transport von Händlern und ihren Ideen. Europa und Teile Asiens sind mit einer zerklüfteten Geografie gesegnet, die viele natürliche Häfen und schiffbare Flüsse bietet. Afrika und Australien sind es nicht.“

Eurasien hat also nicht deshalb die Welt erobert, weil die Eurasier schlauer sind, sondern weil sie am besten von dem Prinzip profitieren konnten, dass viele Köpfe besser sind als einer. Die Kultur einer der erobernden Nationen Europas, wie z.B. Die Großbritannien ist in der Tat eine Greatest Hits-Sammlung von Erfindungen, die über tausende von Kilometern und viele Jahre zusammengetragen wurden. Die Sammlung besteht aus Getreide und der alphabetischen Schrift aus dem Nahen Osten, Schießpulver und Papier aus China, domestizierten Pferden aus der Ukraine und vielem mehr.

Die notwendigerweise abgeschotterten Kulturen Australiens, Afrikas und Amerikas dagegen mußten sich mit einigen wenigen selbstentwickelten Technologien begnügen und waren daher ihren pluralistischen Eroberern nicht gewachsen.

The Woman King – Geschichtsverfälschung des Sklavenhandels

Ich bemäkle ja hin- und wieder den Raceswap in modernen Medien, sowie gerade wieder in Arielle und Rings Of Power. Mein Haupteinwand ist hier, dass der Eindruck vermittelt wird, es gäbe keine historischen Epen mit schwarzen Protagonisten, die verfilmenswert wären.

Am 06.Oktober 2022 erscheint „The Woman King“ in den Kinos. Und im ersten Moment klingt das auch alles super: Starke Woman Of Colour als Hauptperson? Nice. Nach historischem Vorbild? Nice, nice.

Es bleibt die Frage wie historisch akurat das Königreich Dahomey aus dem die Protagonistin stammt, dargestellt werden wird. Offen gesagt erwarte ich hier massive Geschichtsverklärung, denn dieses Volk wirft so gar kein gutes Licht auf das wortwörtliche Schwarz/Weiß-Denken des postkolonialen Zeitgeistes, in dem der edle Wilde gegen die übermächtige Kolonialmacht antritt.

Wahrscheinlich wird man sich auf den Aspekt der Frauenregimenter konzentriert, was dann als unglaublich fortschrittlich und damals schon dem patriarchalen Weltbild der Europäer überlegen dargestellt wird.

Wohl weniger Beachtung wird finden, dass das Königreich selbst ein großer Player im transatlantischen Sklavenhandel war. Die Rolle der indigenen Bevölkerung Afrikas beim Sklavenhandel wird aus ideologischen Gründen gerne verschwiegen.

„Ökonomisch profitierten die Könige von Dahomey aber am meisten vom Sklavenhandel an den Küsten. Als die Könige dann eine Strategie der Expansion verfolgten, benutzten sie bereits Gewehre und andere Feuerwaffen, die sie durch den Sklavenhandel für Amerika mit den Europäern erworben hatten. Unter König Agadja (er regierte von 1708 bis 1732) eroberten sie Allada, aus dem die herrschenden Familien abstammten, und erhielten somit direkten Zugriff zur Küste und zu den Anlegeplätzen europäischer Sklavenhändler. Das Nachbarreich der Oyo, Dahomeys Hauptkonkurrent im Sklavenhandel, konnte allerdings nicht erobert werden.“

Auch dass die Dahomey bis ins 19. Jahrhundert Menschen opferten…glaube nicht, dass dieser Umstand in dem Film Erwähnung findet.

„Das militaristische Königreich, das auf permanente Kriegsführung ausgelegt war, nahm Kinder, Frauen und Männer durch Überfälle auf benachbarte Stämme gefangen und verkaufte sie an den atlantischen Sklavenhandel im Austausch gegen europäische Waren wie Gewehre, Schießpulver, Stoffe, Kaurimuscheln, Tabak, Pfeifen und Alkohol. Die verbliebene Gefangenen behielt Dahomey als Sklaven, die auf den königlichen Plantagen arbeiteten. Wurde ihre Zahl zu groß, so wurden sie während der Feierlichkeiten Dahomeys routinemäßig als Menschenopfer massenhaft hingerichtet.“

Sie waren keineswegs noble Krieger im Kampf gegen den Sklavenhandel. Letztendlich waren es auch die Europäer waren, die den Sklavenhandel der Dahomey beendeten. In den 1840er Jahren begann der Niedergang Dahomeys, als es auf britischen Druck den Sklavenhandel, die ökonomische Grundlage des Reiches abschaffen musste. Die britische Royal Navy verhängte eine Seeblockade gegen das Königreich und setzte Anti-Sklaverei-Patrouillen in der Nähe der Küste Damoheys ein.

Aber vielleicht irre ich mich ja und wir bekommen keine rassistische Geschichtsverklärung vom guten Schwarzen und dem bösen Weißen, sondern ein differenziertes Bild der Kolonialzeit und der afrikanischen Verstrickungen in den Sklavenhandel präsentiert.

Wetten würde ich darauf allerdings nicht.